Irene Kohlbergers SALVETE

Korfu

        
 

  KORFU

  9. Juli bis 23.Juli 2011

 

Samstag

gegen 21.30 am Abend gelandet. Eile, wie die Anderen auch zum Gepäckfließband. Bleibe beim ersten Band stehen, weil die Anderen auch dort stehen. Doch meine Tasche kommt und kommt nicht. Später, als ich mich schon bei „Lost and Found“ herumstehen sah und nur mehr wenige Leute übrig geblieben waren, erblicke ich das zweite Rotationsband, wo meine Tasche einsam ihre Runden zieht. Große Freude – Netbook und Kamera sind also nicht weg – auch nicht die Badekleidung und das sonstige Rundherum, das die Mitteleuropäerin so zu brauchen scheint.

Während ich noch verzweifelt wartete, entwickelte  sich in mir wiederholt die Vorstellung der Szene mit den Beamten bei „Lost und found“: Ohne sich irgendwie zu bewegen oder auch nur das geringste Interesse zu heucheln hätten sie vor sich hin gesagt: „You must wait, till the last lugagge is inside!“

Und sie hätten recht gehabt!

Müde und gestresst stehe ich in der Eingangshalle und sehe das Schild „Neckermann“ aufblitzen: Nichts wie hin! Und dann greift die geölte Maschinerie des Tourismus wieder ein. In Bussen verpackt werden die Ankömmlinge auf ihre Hotels verteilt und ich auch. Draußen vorm Flughafengelände erblicke ich mehrere uniformierte Männer, die auf einer Bank sitzen und gemütlich rauchen. Und ich verstehe die Szene als ersten Ankommensgruß an den Gast aus Norden, der signalisiert, jetzt bist du wieder in Griechenland.

Im Hotel begrüßt ein junges männliches Familienmitglied die späten Ankömmlinge –  nicht-profimäßig unterwegs, aber irgendwie schafft er es trotzdem. Mein Zimmer riecht furchtbar nach Lysol, dem ältesten Desinfektionsmittel, das ich kenne. Und es erhebt sich die Frage, Fenster auf oder nicht? Gelsen ja oder nein? Fliegen ja oder nein?

Letztendlich reiße ich die Balkontüre auf und schließe sie mit dem Vorhang wieder ab. Viel Luftaustausch wird dadurch nicht erreicht, aber mehr als bei geschlossenen Türen. Später – es ist halb zwölf! – kaufe ich noch beim nahe gelegenen Supermarkt ein Flasche Mineralwasser.

Auf die Frage, wo ich ein bike mieten könne, antwortet mir der Supermarkt-Verkäufer, bei Angelo, „He is the best!“ Glückliches Griechenland, wo Männer immer einen Grund finden sich vor anderen hervorzutun. „Olympia schau uma!“

 

Sonntag

Speisenfolge des späten Frühstücks: Fruchtsaft aus der Kracherlecke, Weißbrot, gekochte Eier, Wurst, die schon beim Anschauen rot wird, weil sie nur einem besserer Leberkäse entspricht. Käse in groben Schnitten aufgelegt, schmeckt aber gut. Und zur Freude des österreichischen Gaumens: Joghurt, mit Honig, Marmelade oder Kompott zu mischen. Auch Wassermelonen werden gereicht und Oliven, ein Angebot, das sich dem mitteleuropäischen Geschmack am Morgen aber eher entzieht. Dass der Kaffee nicht überwältigend schmeckt, das ist eine Erfahrung, der man selbst in italienischen Hotels beim morgendlichen Frühstück nicht entgehen kann.

Dann an den Strand – positive Überraschung, der nahe Straßenverkehr stört nicht und das Wasser ist blitzsauber.

Negative Überraschung, das Liegebett und der Schirm kosten extra. Also handelt es sich dabei nicht um einen hoteleigenen Strand. Offensichtlich scheint das Angebot eines hoteleignen Swimmingpools schon die Höhen eines Luxushotels zu streifen. Ich habe diesen Wunderpool niemals benutzt – weil ich es als Beleidigung des tyrrhenischen Meeres empfunden hätte, zehn Meter hinter der Küste dieses geschichtsträchtigen Wassers, in einem handtuchgroßen Pool meine Runden zu drehen.

Am späten Nachmittag schwelge ich in allen Köstlichkeiten, die der Supermarkt mir bieten kann: Oliven, Jogurt, Retsina, Orangen und Wassermelonen sind dabei die Höhepunkte.

Lesen und schreiben und am Abend überwinde ich mich und suche eine Stätte, wo ich ohne Kerzenlicht und beflissene Kellner etwas essen kann. Und ich finde ein kleines Etablissment, das gefüllte Crepes anbietet – köstlich und nicht zu viel für ein Abendessen.

 

Dienstag

Ausflug nach Kerkira mit dem Bus. Hat immer direktes einheimisches Flair, so eine Busfahrt. Vielleicht kann mir einmal jemand erklären, warum alle Griechen – von Ausnahmen abgesehen, die es überall gibt – ab alt ob jung, ob Mann oder Frau immer so laut reden, dass alle Umstehenden zuhören müssen. Dazu kommt, dass sie durch ihre Sprechweise in immer höhere Tonlagen gelangen und die Frauensprache dabei sehr oft spitz und kreischend wird. Auch habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich ungewohnt laut reden muss, um verstanden zu werden. Also, eingehüllt in griechische Konversation sitze ich im Bus auf dem Weg zu den Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt. Plötzlich, das heißt unerwartet für mich, bleibt der Bus stehen und alle steigen aus. Ich verlasse ebenfalls den Bus und versuche mich zurecht zu finden. Es gelingt mir mit Hilfe eines kleinen Planes im Baedeker und dann starte ich los. Zunächst folge ich dem Pfeil zum Archäologischen Museum, doch schaffe ich es nicht mit dem kleinen Plan und komme erst nach zweimaligen Fragen dahin.

Drinnen gibt es einen Überblick über die vor – und geschichtlichen Epochen anhand der bekannten Fundstücke: Tonzeug, Zaumzeug, Amphoren und Götterstatuen als Votivgaben. Und als Höhepunkt des Museums werden die Giebelfiguren des Artemistempels aus dem 6.Jh.v.Chr. gezeigt. Zu sehen ist die Medusa mit fratzenhaft verzerrtem Gesicht, aus dem zwei Schlangen hervor kommen; zwei weitere Schlangen winden sich um ihre Taille. Dargestellt ist der Moment, bevor ihr Perseus den Kopf abschlägt. Dem Mythos nach hat er das getan, ohne sie anzusehen, denn der Anblick des weiblichen Ungeheuers soll versteinernd gewirkt haben (daher auch die Darstellung am Tempelgiebel, durch die Medusa sollten Feinde und Dämonen abgewehrt werden). Die Gorgo Medusa wird von ihren Kindern Pegasus und Chrysaor flankiert; sie entspringen ihrem Leib, als sie enthauptet wird. Die beiden wilden Tiere links und rechts außen vereinigen Züge von Löwen und Pantern in sich. Sie symbolisieren die Macht der Medusa über die Tiere. In den Giebelecken kämpft Zeus mit einem fliehenden Giganten, links erkennt man eine sitzende Figur, die von einem Speer getroffen wird. 

     

Der Giebel, der ursprünglich in leuchtenden Farben bemalt war, hatte damals vermutlich eine heute kaum vorstellbare beeindruckende Kraft. Vom künstlerischen Anspruch her, erscheinen mir weder die Figuren, noch die Komposition von künstlerischem Geist beseelt – es ist eben nicht alles Alte auch künstlerisch wertvoll, nur weil es alt ist. Dasselbe gilt leider auch für die Koren, die sich in den hellenistischen Gräbern fanden. Sie wirken zwar auf den ersten Blick ganz interessant. Aber beim zweiten Blick merkt man, dass sie wahrscheinlich nach einer bestimmten Vorlage entstanden sind, d.h. mit anderen Worten, dass aus einigen Hohlformen viele, viele Koren gegossen wurden.

          

                  

 Wirklich bemerkenswert und eindrucksvoll erscheint mir nur ein liegender Löwe (7.Jh.v.Chr.), ein hochstilisiertes Exemplar, das große Kraft und Faszination ausstrahlt

      Zu hochwertigen Tonwaren aus der mykenischen Zeit gesellt sich eine weit reichende Münzensammlung. Ich hab versucht den kaiserlichen Denar, der zur Lebenszeit Jesu gültig war, zu fotografieren - gut ist es nicht gelungen, dazu braucht man schon eine zupackendere Kamera….

Daneben gibt es eine Reihe von schönen klassischen Vasen – frühe edle Handelsware - die sich im ganzen Mittelmeerraum findet. 

 

Wunderschöne Kopien aus der klassischen Zeit, die in der hellenistischen Epoche angefertigt wurden.

Ich verlasse das Museum unter dem Eindruck alte Freunde besucht zu haben, die mir die Treue halten und sich immer wieder freuen, wenn ich sie besuche.

Mein Weg zur alten Festung führt entlang der ausgedehnten Vorderfront des Corfu Palace Hotel. Auf den hoteleigenen Zufahrtsterassen parken dicke Mercedes und andere Luxuskarossen. Und als ich einen Blick nach oben werfe, schauen sie auf mich herunter die „residents“; nicht schön und reich, nur reich…

Und ich frage mich beim Weitergehen, ob ich da drinnen wohnen will. Gewiss der Ausblick aufs Meer ist wunderschön. Wahrscheinlich würde mich das Personal auch freundlicher wahrnehmen, als hier in der Touristenbude, wo die Leute von der Rezeption offenbar unter der Hitze leiden und überall lieber wären, als hinter dem Tresen. Ich verstehe das und irgendwie freut es mich, dass sie eben keine, in den Modulhotels ihres Landes eingebläute Freundlichkeit verströmen. Mir ist wichtig, dass ich meine Ruhe habe und das habe ich, weil ich auf der Gartenseite, wo ich hinausschaue, nur grüne Hügel vor Augen habe, die niemanden interessieren und am Abend nur den prallen Mond, den Sisi schon in ihren Tagebüchern beschrieben hat – aber der ist den meisten Leuten sowieso wurscht.

Vom Museum in die Festung hinüber ist es nicht weit – unterwegs der Säulenrundbau, 1824 errichtet und von Sir Thomas Maitland in Auftrag gegeben, der alle Zeichen der Antikenliebe an sich trägt: Rundbau mit Säulen umstellt – innen eine Zella für das Götterbild. Fragt sich nur, wessen? Vorschlag: das Götterbild des Mammons (für Nicht-Eingeweihte: des „Geldes“  )

Venetianische Festung

Durch das barocke Eingangstor betritt man die Alte Festung und ist betroffen von dem ungewöhnlichen Anblick, der sich zunächst bietet. Quer vor der inneren Festungsmauer – gleichsam herausgeschnitten – ein Kanal, worin kleine Privatboote dümpeln. Rechter Hand entlang der äußeren Umfassungsmauer haben sich die Stadtbewohner Sommerhütten installiert: mit der Festungsmauer als Rückwand, schnell aufgezogenen Seitenwänden und einem Dach aus Palmblättern. Es wirkt irgendwie kurios uns anheimelnd zu gleich, wie sie hier ihre Privatheit zelebrieren, während oben über die Brücke die Touristenströme ziehen.         

                  

Es ist heiß und es dürstet mich nach Kaffee: d.h. ich wandere durch alle Tore hindurch zum Cafe. Dort ist es angenehm schattig und auch nicht zu laut. Offensichtlich habe ich eine gute Zeit erwischt. Später klettere ich zur St. Georgskirche hinab – ursprünglich als angelikanische Kirche errichtet – nach Abzug der Briten zur orthodoxen Kirche umfunktioniert. Im Stil einer dorischen Tempelanlage wurde hier ein sakraler Raum geschaffen, der an Ungewöhnlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Innen ist der Tempel als eine einzige Halle konzipiert, wo man jeden Gottesdienst feiern könnte. Jetzt befindet sich eine große Ikonostasis im vorderen Teil des großen rechteckigen Raumes. Dass sich dessen mystische Kraft dadurch wesentlich erhöht, kann man allerdings nicht behaupten.

                 

Dann mache ich mich auf den Weg zur Festung hinauf. Es ist heiß und ich freue mich über jeden Schatten, der auf meinen Weg fällt. Dennoch entwickelt die Festung gerade durch das Erwandern ihren eignen Reiz. Immer wieder eröffnen sich wunderschöne Ausblicke auf das Meer und Stadtteile von Korfu. Und oben wird es ganz griechisch – vernachlässigt in einem pittoresken Sinn. Oder doch nicht? Beton bröckelt, wo er will. Überflüssiger Draht verrostet vor sich hin – alles wird irgendwie gemacht, aber nicht wirklich. Die Fremden freuen sich ohnehin an der Festung, warum sich anstrengen?

                

 

 

                 

Im  unteren Teil der Burg sind einige Räume zu einem Museum gestaltet. Es gibt wertvolle Handschriften und künstlerisch hochwertige FResken.

               
Auch ein paar lustige Bodenfliesen in Mosaiktechnik finden sich darunter:

Später verlasse ich die Burg Richtung Zentrum und wandere zu schnell für eine Touristin, Richtung Busstation. Ich erreiche meinen Bus, bevor ich schmelze und fahre-beleitet von Badegästen der Region Benitses in mein Quartier. Am Abend im alten Benitses herumgewandert, wo es teilweise sehr desolat zugeht. Der Anblick der rostigen Konstruktionen, die verschlossenen und verwucherten Gärten, die unbenützten Swimmingpools schmerzt (in Griechenland wird nichts abgerissen - Alles steht herum, bis es von sich aus zusammenfällt). Spät am Abend noch in die Psistaria: Zwei  Frauen führen das Lokal, eine Tatsache, die mir schon mehrmals begegnet ist – vielleicht typisch für Korfu, vielleicht typisch für die neue Frauengeneration?

 

Mittwoch:

Ganz normaler Badetag. Gehe früher heim und schreibe sehr viel. Am Abend unterwegs im Zentrum von Benitses. Hier schreien die Zikaden – hier stehen zwei Kirchen und hier bereiten alte und jüngere Frauen das Fest der Hl.Marina vor. In der kleinen Kapelle, wo ich, argwöhnisch beäugt, zu einem kurzen Gebet eintrete, liegt alles durcheinander. Alles wird geputzt und gereinigt. Diesem Generalangriff entkommt kein Stäubchen. Es stinkt furchtbar nach Reinigungsmittel und ich ergreife die Flucht. Draußen fädeln die Frauen dünne Metallblättchen als Votivgaben an rote Bänder. Wo man sie und wer sie wohl braucht?

In Gedanken versunken wandere ich weiter und gelange hinter dem letzten Haus in ein grünes Dikicht. Zikaden brüllen und ich wandere immer mehr in die Hügel hinein. Irgendwo dazwischen ist ein Garten angelegt, wo viel Gemüse wächst. Dann begleitet mich wieder das Geräusch eines kleinen Wasserbächleins; ungewohnte Laute in Griechenland. Aber in Korfu ist vieles möglich.

                 

Langsam wandere ich wieder zurück, vorbei am Kinderspielplatz, vorbei an der Bäckerei, am Gyrosbuffet hinunter zu meiner Creperie´.

 

Donnerstag:

Ausflug nach Korfu Stadt. Diesmal will ich nach Palaiopolis. Dort wurde mit viel EU-Geld restauriert und ausgegraben. Aber das Unternehmen gestaltet sich ein bisschen schwierig. Da mir das Geheimnis von kerkirotischen Endstationen von Bussen noch nicht zugänglich ist, orientiere ich mich an den Anzeigetafeln und darauf wird auch die Nummer 2 geführt, jener Bus - der meinem Baedeker nach - hinaus nach Analipsi führt. Als ich nach einigen Irrwegen direkt beim Lenker von Nummer 2 nachfrage, erhalte ich zur Antwort, dass rechts, über der Strasse der 2A nach Kanoni und nach Analipsi fährt. Na, dann nichts wie hin! Und da steht schon ein Häufchen Leute – Zeichen dafür, dass der Bus bald kommt. Und er kömmt und hinaus geht es – Nein! – zuerst geht es noch mal zurück ins Zentrum und von dort hinaus. Warum nicht gleich? Die Antworten auf die geheimnisvollen Hintergründe sind beim städtischen Verkehrsamt nachzufragen. 

Da ich meine Vorbereitung ordentlich gemacht habe, interpretiere ich den braunen Pfeil nach dem Naos Hagios Jason  Hagios Sosipater richtig und steige bei der darauf folgenden Haltestelle aus. Und hier finde ich weitere Höhepunkte: die Basilika von Polaiopolis, deren Ursprung bis ins 5.Jh.zurückreicht. Sie wurde unter Verwendung von antikem Baumaterial am Platz eines römischen Odeons errichtet und nach ihrer Zerstörung im 6.Jh. (Langobarden) und im 11.Jh. (Araber) deutlich kleiner wieder aufgebaut. Der Glockenturm entstand im 17.Jh. Im 2.Weltkrieg wurde die Basilika fast völlig zerstört und mit EU-Geldern in den 1990 Jahren das Objekt saniert und teilweise wieder hergestellt.

Ich bewundere die Basilika angemessen aus der Ferne, weil das Areal ordentlich eingezäunt ist und keine Schlupflöcher aufweist. Interessant wäre es schon gewesen, die Spuren der alten und riesigen Basilika näher zu  betrachten, aber man kann nicht alles haben!

                  

Auf den Spuren der römischen Badeanlage darf ich mich dagegen frei bewegen und jeden Stein und jedes Mosaik fotografieren, während das wirklich feine Mosaik der Basilika, das einzig wertvolle Detail, unzugänglich bleibt. Wahrscheinlich bin ich undankbar, aber das römische Bad freut mich nicht richtig; zu oft schon gesehen: reiner Zweckbau und nur wichtig für die Geschichtswissenschaft. Ich muss ja nimmer in Begeisterungstürme darüber verfallen.

 

Dann sehe ich „Unglückliche!“ die Touristen - Liliputbahn linker Hand an den Hügel empor fahren und ich denke, dass dort oben etwas Besonderes zu entdecken wäre und folge der Bahn zu Fuß – nicht errötend – nein schwitzend.

Aber es zahlt sich aus: wieder wächst rechter Hand wilde Macchie – die Zikaden zirpen und die Luft fühlt sich wunderbar an. Links wird die Straße von einer mannshohen alte Steinmauer begleitet: manchmal wächst ein Baum durch das Gestein, manchmal erlaubt ein verrostetes und versperrtes Gittertor einen Blick in den üppigen grünen Raum. Ich habe Sehnsucht da hinein zuwandern, aber …

Weiter geht es hinauf bis zu einigen Häusern und ich folge der Straße nach links, in Gedanken der Liliputbahn nach, die aber längst nach rechts und in die Stadt zurück abgebogen ist. Aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Heiß ist es, aber ich gehe weiter und erreiche schließlich ein Plateau, wo Kinder einer Kreativwerkstätte kreativ sind: sie schreien und essen. 

Dem Pfeil Naos Hagia Marina folgend und wieder durch Gestrüpp und Zikadengebrüll schreitend, erreiche ich das Kirchlein nach einigen Minuten. Wie fast immer in Griechenland, liegt dieses auf einem wunderbaren Platz. Da alles eingezäunt ist, klettere ich über den Zaun (Dieser war an einer Stelle schon niedergetreten!) und erblicke vom Kirchenhügel? Na Was?

Die Landepiste – das Flughafengebäude und die rastenden Flugzeuge.

Die Flugzeuge lassen einem in Korfu nie los – sie sind allgegenwärtig. Auch jetzt, wo ich vor der zugesperrten Tür der einzigen katholischen Kirche in Korfu sitze und schreibe, donnern sie über meinen Kopf hinweg. Eigentlich hätte um 20 Uhr Messe sein sollen – war nicht –vielleicht schon um 19 Uhr, aber dann wären um dreiviertel acht auch noch Zeichen von Mesneranwesenheit zu erwarten gewesen –  Oder ??? Aber das ist eine andere Geschichte…

Ich erblicke den Flughafen und bewundere anstelle der Natur das technische Wunderwerk. Ich gehe zurück und bekomme ein großartiges Geschenk für meine mühevolle, scheinbar nutzlose Wanderung: Den Ausblick von Analipsi nach Nordosten: überraschend, faszinierend, überwältigend, eine dunkelblaue Meeresoberfläche, grün überwachsene Felsabstürze und so weiter.

                                    

Doch es ist heiß geworden und einen kurzen Weg nach Kanoni hinunter gibt es nicht. Also den langen Straßenweg wieder zurückgewandert und durchhalten. Bei den antiken Stätten angekommen, merke ich, dass der verschlossene Garten frei zugänglich ist und interessante Altertümer in sich birgt. Da ich aus Erfahrung weiß, dass Kirchen zu Mittag geschlossen werden, verzichte ich zunächst auf den Park und wandere zum Naos Hagios Jason und Hagios Sosipater hinunter. Tatsächlich ich erblicke nach einigen Umwegen den erwarteten kleinen Zentralbau, der mich schon von weitem anlacht.

             

Gleichzeitig fährt die Liliputbahn an mir vorbei, und zwar in die Gegenrichtung, d.h. dass die kleine byzantinische Kirche kein Allgemeines Touristisches Ziel darstellt. Drinnen gibt es ordentliche Gemälde an der Ikonostasis. Die Christus- und Mariendarstellung an der Ikonostasis und die beiden Heiligenikonen an den Säulen des Hauptraumes, stammen aus dem 17.Jh., von dem namentlich bekannten Emmanuel Tzanes gemalt.

In der Vorhalle finden sich noch Reste von Fresken, die den ersten Erzbischof von Korfu, den Hl. Arsenios darstellen. So klein oder unscheinbar oder auch großteils zerstört, können Fresken gar nicht sein, dass sie mir nicht Freude machen.

Und ich darf auch alles ohne Rücksicht fotografieren. Der junge Wächter der Kirche liest ostentativ und verbietet mir das Fotografieren nicht. Danke barmherziger Unbekannter!

Später wieder hinauf gewandert  zum Park. Und hier ist gut sein: riesige Platanen, Zypressen, Gummibäume, Eukalyptus, die spezielle Tanne (Abies cephalonica) der Region, Eichen etc. alles in allem von üppigsten Wachstum.

Wenn ich den Text dieser Reise überlese, dann fällt mir auf, wie oft vom Grünzeug, von Pflanzen die Rede ist. Aber die Natur entwickelt hier  tatsächlich eine eigene Kraft, die sonst in Griechenland fehlt. Trotz der Hitze eile ich auf den verschlungenen Parkwegen dahin, damit ich den englisch sprechenden Girls entkomme, die in diesem Ambiente doppelt nerven. Es gelingt! Und schließlich stehe ich vor einem wunderschönen Sommerpalast, der im 19.Jh. als Landhaus der britischen Hochkommissare, von Sir Frederick Adam in Auftrag gegeben wurde.

                 

1864 ging der Palast in den Besitz der griechischen Königsfamilie über und wurde 1994 staatliches Eigentum. Heute ist die Sommerresidenz ein Museum der besonderen Art: Zunächst öffnet sich nach einer Seite der Herrenflügel und nach der anderen Seite der Damenflügel.

          

                      

In den Räumen dahinter werden in einigen Vitrinen, Fundstücke aus allen Ausgrabungsepochen gezeigt: Herausragend eine lange Reihe von hellenistischen Grabstelen, die berührende Abschiedszenen wiedergeben, protoklassische einfache Tonfiguren, die sich im Reihentanz bewegen und darüber hinaus eine ausdrucksstarke Maske mit Bemalungsspuren, aus hellenistischer Zeit.

Es finden sich hier auch wieder Koren, deren  starre Gesichts - und Körperformen eine Herstellung aus den gleichen Formen verraten, wie jene, die im archäologischen Museum untergebracht sind. Eine wirkliche Besonderheit, die zudem originell ausgestellt ist, ein Tongefäß, aus dem Silbermünzen „herausfliessen.“

          

Im ersten Stock steht ein schön gearbeitetes Modell einer Rudergaleere. Für die übrigen Räume fehlen offensichtlich Ideen und Exponate – weil Fotos von Ausgrabungsarbeiten ohne Zusammenhang gezeigt -  nicht unbedingt „museumsreife“ Schaustücke darstellen.

Als besonders gelungener und schöner architektonischer Einfall erscheint mir der Mittelraum im ersten Stock des ehemaligen Sommerplastes. Er ist rund, freundlich bemalt  und durch eine Glaskuppel in hellstes Licht getaucht.

                      

Im Foyer des „eiskalten“ (Aircondition auf Hochtouren) Museums erbitte ich mir eine Übersichtskarte des Gartens, die allerdings nur in Griechisch vorrätig ist. Die Beamtin schaut mich zweifelnd an, aber ich erkläre nicht, dass ich die griechischen Lettern lesen kann und rausche ab, und zwar in Richtung Hereion (Hera Tempel). Wieder führt der Weg durch grünes Laubwerk, das freigebig Schatten spendet.

Beim Heratempel angekommen, hilft mir meine langjährige Übung und Vorstellungskraft mich an einem einzigen Mauerrest zu erfreuen, der ganz nebenbei sehr sorgfältig gefügt ist.

              

 Ich bewundere die Mauer und genieße gleichzeitig den Schatten der Platane, das Zirpen der Zikaden und spüre, dass dieser Ort in seiner geheimnisvollen Verborgenheit eine ganz starke Kraft entwickelt. Wie viele Menschen und Zikadengenerationen haben wohl inzwischen gelebt, seit an diesem Tempel die ersten Opfer dargebracht wurden?

 Noch am Weg zum Dorischen Tempel, den man keinem Gott eindeutig zuordnen konnte, arbeiten die Archäologen an einem neuen Projekt. Und es begrüßen mich bekannte Bilder: zwei der Archäologen speisen im Schatten, einer döst im offenen Lieferwagen und die Steine im Graben lächeln mich an. Aber es ist die „Stunde des Pan“ und nur zu verständlich, dass die schwere Arbeit um die Mittagszeit ruht.

              

 Der dorische Tempel weiß, was er sich schuldig ist: klare Abgrenzung der Tempelfundamente, gut erhaltene Bodenfliesen, malerisch angeordnete umgestürzte Säulen. Völlig ungestört trödle ich hier herum - umgeben vom bekannten Ambiente und meinen zirpenden Zikaden.

                               

              

Am Rückweg, der sich trotz Schatten, heiß und lang anfühlt, höre ich das Lachen und Plaudern vom Strand. Wie gern würde ich da unten dabei sein – doch ich muss weiter mit dem Bus zurück in die Stadt.

In der Stadt suche ich wieder nach meiner katholischen Kirche und finde San Giacomo sehr bald. Die Kirche ist zwar offen, doch drinnen wird restauriert und gestrichen. Ein böser Mesner schimpft mit den Arbeitern. Und obwohl ein gut gearbeitetes Kreuz in der Sakramentskapelle hängt, kann ich mich kaum aufs Beten konzentrieren.

Später wandere ich noch zum Gouverneurspalast, einem neoklassischen Bau, dessen bewunderungswürdige Konstruktion zumindest verlässlichen Schatten unter dem Säulenperistil verspricht. Ich umrunde den kalten, abweisenden  Bau, der auch von Sir Thomas Maitland in Auftrag gegeben wurde und stelle bei mir fest, dass eine  Übertragung von Stilelementen nicht genügt um einen stimmigen architektonischen Ausdruck zu schaffen.

Im Cafe, das gleichsam im Garten des Palastes angelegt ist, ist es schön und ruhig. Doch ich habe zu wenig Zeit, um hier zu bleiben und wandere zurück Richtung Zentrum. Eine Pizzaschnitte unterwegs hebt meine Lebensgeister. Doch als beim Warten auf einen gepressten Fruchtsaft, die Verkäuferinnen zu argumentieren beginnen und die Atmosphäre auf schweren Streit zutriftet, verlasse ich fluchtartig die wenig einladende Stätte.

Dann zum Bus, Richtung Benitses – drinnen wieder laut und voller Handygespräche.

 

Freitag:

Sonnenlicht über der ewigen lebendigen Bewegung des Wassers…

Glitzernde Sterne am Horizont, gefaltet in Linien,

dann wieder im Sternenteppich verfließend –

sich wandelnd und immer wieder neu.

Der Bug teilt das Wasser - faltet es auf in weißgekrönte Wellen,

die später im ruhigen Wasser verströmen.

Immerwährendes Spiel zwischen Wasser und Boot…

 

In Prosa:  Es sind zu viele Leute an Bord. Ich gönne  es den Betreibern – aber ich befinde mich in der U-Bahn am Wasser. Positives Faktum, man hört die Handygespräche nicht mit, der Dieselmotor des Bootes ist zu laut. Dadurch minimieren sich die Telephongespräche. Auch kosten sie viel - weil wir ziemlich alle aus Europa und nicht aus Griechenland kommen.

Das Land der Griechen mit der Seele suchend!“ Hölderlin

              

Mein verehrter Hölderlin, wie würdest Du Dich hier fühlen? Eingezwängt auf einer Bank, wo Dir eine streitbare Landsmännin den Raum von 30 cm streitig macht? Auch du wärst gegangen – und vielleicht hättest Du auch Zuflucht gesucht an der Reling – die Beine über Bord baumelnd, wie ich es jetzt mache, um den direkten Kontakt zu den Wellen, wenn irgendwie möglich, zu gewinnen.

Dennoch: die Sonne, das Meer und die Wellen sind stärker, endlich ist die Natur stärker als alle menschliche Energie zusammen genommen. Auch die Zeit verliert ihre vordergründige Bedeutung. Alles verfließt in dem einschläfernden Rhythmus der aufgeworfenen Wellen.

Dann denkt es sich wieder! Hoffnungslos überladenes Boot – ob sie wohl genug Schwimmwesten dabeihaben? Ich glaube nicht! Wenn etwas passierte, würden sie wieder improvisieren. Vorschlag: eine Schwimmweste für zwei Passagiere müsste doch reichen oder nicht? Oder möglichst in Ufernähe auflaufen, dass sich die guten Schwimmer selber retten könnten…Oder? Aber ich werde alt oder das europäische Sicherheitsdenken hat mich am Nacken! Nein! Es wird nichts passieren, weil Griechenland eben Griechenland ist! Und es ist gut so, wie es ist!

Nach eineinhalbstündiger Seefahrt nähern wir uns Paxos und werden durch grandiose Küstenlandschaft überrascht. Nehme an, dass es junge Bruchlinien sind, da die aufragenden Felsen ohne Vegetation, glatt und senkrecht ins Meer hinabfallen. Ich versinke in den abenteuerlichen Anblick, aber es kommt noch faszinierender. Unser Boot dreht bei und steuert eine offene Höhle an, heraus gewaschen aus den Felsen von den anbrandenden Wellen. Das Licht färbt das Wasser ins Dunkelblaue, das immer wieder  ins Türkis oszilliert. Ein fantastischer Eindruck!   

                 

Ob unser Besuch für die Höhle „gesund“ ist, das wag ich zu bezweifeln – kann doch der Dieselrauch nicht wirklich abziehen – doch wen kümmert es?

Die zweite Höhle hat einen rechtwinkeligen einmündenden zweiten Eingang und dessen Anblick wirkt überirdisch schön.

              

                 Später kreuzen wir nach Antipaxis hinüber, wo wir ins Wasser können.

                

Das Ambiente: Bucht mit kleinem Sandstrand, umarmt von bizarr geformten Felsen – das Wasser dazwischen dunkelblau mit türkisen Flächen. Faszinierend und wirklich schön.

     

               

Beim Aussteigen zerbricht meine Schnorchel in zwei Teile und das Mundstück verliert sich in der Tiefe. Doch habe ich ja noch meine Brille, womit ich unter Wasser gut sehen und in eine wunderbare Meereslandschaft eintauchen kann. Doch bald verschließt sich mir auch dieser Anblick, weil der Riemen an meiner neuen Taucherbrille reißt. Grriechische oder besser koreanische Qualitätsware! Nehme es hin. Was soll ich auch tun? Und ohne Ausrüstung – nur mit den verbliebenen Flossen - schwimme ich hinüber in eine kleine Grotte, worin das hellste Meerwasser anbrandet und für Augenblicke spüre ich das Herzklopfen der Erde.

Zurück am Boot bewundere ich die Disziplin, womit die Leute sich umziehen und wieder in eine angepasste Gefolgschaft verwandeln, die noch vor Minuten von Bord gesprungen ist. Und ich frage mich, sind sie mehr angepasst oder mehr auf Abenteuer aus? Ich denke „Abenteuer light“ ist die Devise. Nur kein Risiko eingehen…

Weiter geht es im „eiligen Flug“, nach Gaios, der Inselhauptstadt von Paxis.

Die Hafeneinfahrt gestaltet sich zu einem Defileè von schönster Landschaft. Das alte Fischerdorf per staatliche Definition zu Hauptstadt avanciert, präsentiert sich im griechischen Schmuck. Hafenmole, davor unterschiedlichste Boote verankert- dahinter Restaurant und Cafés – Kleiderläden und sonstiges Geschäfte, die der Mensch halt so braucht. Die ganze Ortschaft in eine Felsennische geschmiegt, die ursprünglich mit Pinien, Olivenbäumen und Eukalyptus vollständig bewachsen war.

            

                         

              

Ich wandere im hinteren Ortsteil herum – genieße das Zirpen der Zikaden, die Hitze und den unbeschreiblichen Duft.

 

Samstag:

Meer - Strand – Hitze und Müdigkeit. Arbeiten am PC und lesen.

Um 17.35 mit dem Bus zur Stadt, auf der Suche nach Lexikon und Schreibblock. Doch alle Geschäfte, die nicht Touristenware anbieten, haben geschlossen.

Die Souvenirstrassen sind voll von Läden, die Kleider, Holzsouvenirs, Tonwaren, Ikonen, Honig, Olivernöl, etc. anbieten und zwar in schöner Abwechslung immer wieder dasselbe, dass man schon vom Hinschauen müde wird. Normalerweise wäre ich hier niemals gelandet, aber ich bin noch immer auf der Suche nach einem Schreibblock. Als ich bei einem Laden „stamps“ als Ankündigung entdecke, trete ich ein und kaufe Ansichtskarten und Briefmarken, in der Hoffnung vielleicht hier einen Schreibblock zu ergattern. Aber es gibt nur aufwendig verzierte Notizbücher mit handgeschöpften Papierseiten, die niemand brauchen kann. Also weiter gewandert, unter dem Versuch meinen Blick vor dem Überangebot an unnötigen Sachen zu schützen. Später besuche ich wieder „meine Fruchtsafthütte“, wo heute nur eine Dame Dienst macht und alles friedlich abläuft. Meinen Orangensaft trinke ich unter dem von mir geschmähten Säulendach des Gouverneurspalastes.

              

Es ist heiß, aber von der glühenden trockenen Hitze des Südens. Später sitze ich gemütlich im Hof des Cafes im Gouverneurspalast und warte auf meine Abendmesse, die um 20 Uhr beginnen soll.

              

Doch wie ich bei San Giacomo ankomme, sind alle Türen hermetisch geschlossen. Ich setze mich vor eine der Türen und beginne meine Erfahrungen, meine Wut und Enttäuschung nieder zu schreiben.

              

Rechtzeitig zum 9 Uhr Bus breche ich auf, um dann festzustellen, dass der Bus einfach nicht kommt. Gegen 9 Uhr 30 erfahre ich, dass der Bus ausnahmsweise um 22 Uhr nach Benitses fährt. Der „Verkündigungszettel“ war entsprechend klein und kaum sichtbar am Fahrkartenautomaten angebracht. Also noch eine halbe Stunde warten!

An sich waren viele Leute da, weil in Benitses ein zweitägiges Fest zu Ehren der Hl.Marina stattfindet. Diesmal war es im Bus, trotz meiner Müdigkeit, erheiternd und angenehm. Vier Jugendliche, auf dem Weg zum Fest, hatten ihre Freude miteinander. Da Freunde immer wieder telephonisch anfragten, wann sie denn endlich kommen würden, blieb die Busfahrt unterhaltsam und vergnüglich, weil der Kreis der Blödeleien auch die Anrufer umschloss.

Ich weiß nicht, was ich mir von diesem Abend erwartet habe, aber schließlich gestaltete sich auch dieses Fest wie bei uns und mündete in Essen und Trinken. Allerdings spielten sie griechische Musik ( No na net!) in einer ziemlich „abgewetzten“ oder vielleicht besser ausgedrückt, in einer geglätteten Form, wodurch sich alle Musikstücke  ziemlich ähnlich anhörten. Beeindruckend, dass sich immer wieder Leute fanden  – vor allem Frauen - die sich im Reigentanz zur Musik bewegten, und zwar nach einer klaren Schrittfolge, die auch allen bekannt war. Zu später Stunde tanzten sogar die bewusst gelangweilten Jugendlichen in den Reihen mit, während die kleinen Zwerge vom Tanzen nicht genug bekommen konnten.

              

Zu den Jugendlichen wäre anzumerken, dass sie wesentlich strenger erzogen werden, als bei uns. Da ich Tag für Tag nur mit Griechen zusammen bin bekomme ich Einiges mit. Und die  Art, wie die Väter hier noch reagieren, erinnert mich an stark an meine Kindheit, wo alle zitterten, wenn Hans-Onkel dräuend vom Teller aufgeschaut hat. Hier merke ich oft, wie einfach erwartet wird, dass die Kinder auf die Erwartungen der Erwachsenen reagieren – und es in der Regel auch darüber keine Verhandlungen gibt. Will das Ganze nicht werten, aber sie erscheinen mir stark die Teenager, die mir immer wieder begegnen. Sie sind stark und geliebt, weil in der Großfamilie immer wer da ist, der die schützende Hand über jeden Einzelnen der Kleinen hält. Und noch etwas: die Kinder brüllen und schreien hier ihren Zorn heraus, ohne dass sie irgendwer ermahnt!!!! Für mich nervend, für die Kleinen auf jeden Fall gesund.

Die Lämmer, die am Nachmittag schon auf den Spießen steckten sind jetzt fertig gebraten und es duftet herrlich. Aber die Mengen, die hier angeboten werden, passen nicht zu meinen  Bedürfnissen. Daher hole ich mir zwei Souflaki und ein Bier, obwohl mir ein Stück Lammfleisch schon lieber gewesen wäre. Mit dem Bier in der Hand schaue ich dem Tanzen zu – die Musik vergnüglich zu finden, dazu ist sie mir zu laut.

Bei meiner Runde durch die Verkaufsläden, wo heute noch derselbe Schrott angeboten wird, wie gestern und vorgestern, versuche ich einen Bekannten zu finden, der seine Bilder ausstellen wollte. Doch ich finde ihn nicht, wahrscheinlich hat er es sich anders überlegt, was ich verstehen würde.

Auf der Mole vor dem Hotel will ich den Vollmond beobachten und störe dabei ein Liebespaar. Ich entschuldige mich, bleibe aber in einiger Entfernung sitzen und versinke im Anblick des Mondes. Ihr habt euer Vergnügen, ich meines.

                  

 

Sonntag:

Früh auf, weil heute die Neckermann- Betreuerin kommen soll. Und sie kommt wirklich. Sie erklärt uns, mir und einem jungen Paar aus Bayern, wo die schönsten Plätze sind, etc. Da sie protestantisch sei, habe sie keine Ahnung ob und wie Katholisches irgendwo existiert. Kann ich ja verstehen – aber, dass ich mich beim Hotelpersonal erkundigen soll, wo sie als Betreuerin vorgesehen ist, scheint mir doch ein wenig fragwürdig. Danach zum Gottesdienst zur Kirche der Hagia Marina. Eine Stunde habe ich eingespart durch den Besuch der Neckermanndame. Es ist halb neun und ich werde bis zum Schluss des Gottesdienstes ausharren, etwa bis 11Uhr.

              

Und es ist auch ganz angenehm hier draußen, an eine Mauer angelehnt, den Lobgesängen zu lauschen. Besonders schön hören sich die Antwortpsalmen an, die melodiöser und nicht so starr abgemessen klingen, wie auf dem Festlandsgriechenland. Schon vor Jahren hörten wir in Korfu Stadt am 15. August, dem Hochfest der Gottesmutter, Gesänge ganz anderer Prägung, als wir sie kannten. Und es ist mehr als wahrscheinlich, das sich hierin venezianischer Einfluss und Musiktradition noch geltend machen.

Nach dem Gottesdienst gibt es Brot und Kuchen. Ich nehme ein Stück gesegnetes Brot mit und teile an der Rezeption und den Zimmerfrauen davon aus. Denke schon, dass sie sich freuen, dass man dabei an sie denkt. Später am Strand – schwimmend – lesend. Am Abend wieder geschrieben. Gegen 22 Uhr wandere ich wieder zum Fest, esse wieder Souflaki und setze mich mit meinem Bier auf die Felsen,die rund um die Hafenmole aufgeschüttet sind. Dabei beobachte ich ein junges griechisches Paar mit drei Sprösslingen, die es sich auf der Hafenmole direkt gemütlich machen. Der Vater packt das mitgebrachte Lammfleisch aus und alle greifen zu. Wahrhaftig ein phäakischer Anblick. (Zur Erklärung: Odysseus landete schiffbrüchig auf Korfu, dem Land der Phäaken, die ihn gastlich bewirteten und schließlich auf seine Heimatinsel Ithaka bringen ließen. Es waren gastfreundliche Leute, die gern Feste feierten.) Später sage ich dem Mond „Leb wohl!“ und verschwinde in meine Kemenate.

 

Montag:

Nach langem Nachdenken entschließe ich mich, doch einen Roller zu mieten, obwohl ich nicht sicher bin, dass ich die Maschine, wenn notwendig, auch hochstemmen kann. Bei „Angelos the best“ einem etwa 50jährigen griechischen Fuchs, der mit allen Wassern gewaschen ist und dem es wahrscheinlich immer gelingt aus Schwierigkeiten unbeschadet zu entkommen, trete ich am Montagmorgen an. Und er preist mir einen in Ehren ergrauten Roller an, wahrscheinlich in der Erwartung, dass ich diesen wahrscheinlich zu Schrott fahre. Am Anfang hatte ich überhaupt kein Gefühl für die Maschine, obwohl die Geschwindigkeit rein automatisch gesteuert wird. Doch Gas los und im gleichen Augenblick Bremse an, diese Automatik fehlte mir noch. Auch beim Wenden auf kleinem Raum plage ich mich furchtbar. Und vor allem sieht es grauslich „unelegant“ aus.

Fahre zunächst einige Kilometer zum Takis Strand, eine kleines einsames, wenn auch etwas verdrecktes Juwel.

          

                     

Bleibe einige Stunden und als ich zurückfahren will, habe ich den Schlüssel verloren. Kann es einfach nicht glauben und suche verzweifelt danach. Schließlich bleibt mir nichts anderes übrig, als Angelos anzurufen – seine Nummer und Vorwahl habe ich. Hoffe nur, dass in der Nummer keine Null fehlt. Und tatsächlich meldet sich eine bekannte Stimme. Zunächst rede ich deutsch auf  ihn ein. Als ich meinen Irrtum bemerke, wechsle ich auf Englisch und danach verlangt er von mir die Kennzeichennummer. Ich gebe sie ihm und danach meint er, ich soll mich nicht aufregen, er käme einfach vorbei. Und tatsächlich kommt er relativ bald mit einem großen Schlüsselbund in der Hand. Jetzt verstehe ich, warum ich mich nicht aufregen sollte. So einfach ist das. Der dritte Schlüssel passt! Dann klagt er noch über den heißen Asphalt, weil er barfuss ist und es geht wieder dahin mit meinem grünen Frosch. Für heute reichts mir aber und ich fahre wieder ins Hotel zurück. Kann nicht schlafen entschließe mich zu lesen und zu schreiben. Um meine Anspannung loszuwerden, wandere ich später außer Haus (besser: außer Hotel) und esse in der Creperie wieder mein vegetarisches Omlett.

Später im Hotel schaue ich mir die ausgezeichnete performance von einem Paar an, das Lateinamerkanische Tänze zum Vortrag bringt. Das war eine Darbietung von höchstem Rang. Schade, dass sie nur so wenig vortanzten und das Ganze zu früh in allgemeine Publikumsbewegungen mündete.

 

Dienstag:

Am Morgen fahre ich ziemlich nervös zur Tankstelle, die erst nahe bei Korfu Stadt am rechten Straßenrand auftaucht; allerdings  vergeblich, weil sich der Tankdeckel nicht aufschließen lässt. Also wieder zurück. Da an meinem ursprünglichen Schlüssel zwei Stück befestigt waren, ist klar, dass der zweite Schlüssel zum Tankdeckel gehörte. In der Folge versucht Angelos wieder das Spiel mit seinem Schlüsselbund, doch er kann den Tankdeckel nur öffnen und nicht mehr schließen. Kurzerhand baut er das Schloss aus, wirft es weg und klebt eine Gummidichtung in den Tankdeckel. Das wars und ich bin wieder unterwegs zur Tankstelle, weil ich den Versprechungen bezüglich Tankfüllmenge mal Kilometer nicht wirklich traue. Mix gedankt um €  12.- dann raus aus der Tankstelle. Irgendwer schreit „perimene“ (warte). Ich denke, dass irgendetwas nicht stimmt und bleibe stehen. Dann will ich weiter und während ich starte,  geht der Tankwart seitwärts und ich presche neben ihm nach vorne und fahre ihn fast um. Gott sei Dank ist nichts passiert. Aber die Gedanken im Kopf des Mannes waren sicher nicht sehr freundlich und mit Recht.

Dann wird alles leichter. Auf der Straße hupt mich niemand an, d.h. ich fahre angepasst. Nur oben vor dem Archilleon schlägt meine Ängstlichkeit wieder Kapriolen. Weil ich nicht weiß, wo parken, möchte ich mich zu den anderen Zweirädern stellen und bemerke nicht, dass knapp hinter mir ein PKW nicht wusste, was ich vorhabe: die Folge - eine Schimpfattake. Der übrige Tag blieb störungsfrei.

Oben beim Archilleon eine freundliche Ticketverkäuferin! Ein Wunder!

Beim ersten Blick erkenne ich das mächtige Bauwerk nicht wieder, das ich vor mehr als 20 Jahren das erste Mal gesehen habe. Das viel gerühmte Gebäude, zu dem jeden Tag unzählige Busse die Touristen herankarren, ist in Wirklichkeit  ein riesiger Klotz, wogegen sich die Hermesvilla noch als elegantes Barockschlösschen ausnimmt. Kann mir gut vorstellen,dass es gerade Kaiser Willhelms Geschmack getroffen hat, aber nicht den von Elisabeth von Österreich.

Und dennoch wurde das Gebäude von ihr in Auftrag gegeben.

Das Gelungenste an dem Gebäude erscheint mir das Stiegenhaus. Auch die Stiegenhäuser in der Staatsoper, dem Burgtheater und vor allem in den großen Museum sind Prachträume, die das halten, was sie versprechen. Vielleicht könnte man die Ringstraßenarchitektur, das Archilleon eingeschlossen, in Treppenhaus - Architektur umbenennen. Das haben sie wirklich gekonnt, was die Raumaufteilung, die Höhe der Etagen betrifft, die Einteilung der Stufen in bestimmte Abschnitte, bzw. Absätze- einfach bewundernswert. So auch hier. Auch der rote Teppich, der den Schritt weich abfedert, fehlt hier nicht. Wahrscheinlich stammt dieser noch aus der Zeit, wo das Archilleon  ein Spielkasino war.

Doch dann fällt mein Blick auf das obere Drittel des Treppenhauses, wo das berühmte Gemälde von Franz Matz angebracht ist, das Archill in seiner bösesten Stunde abbildet, und zwar wie er den Leichnam Hektors, des trojanischen Helden, an seinem Streitwagen angebunden um die Stadtmauern  von Troja schleift. Es ist dies eine Tat von Unbarmherzigkeit ersten Ranges. Damit kann ich weder künstlerisch noch inhaltlich, etwas anfangen.

              

Ich verstehe nicht, wie die feinsinnige Elisabeth dieses Gemälde absegnen konnte. Oder war sie in Wirklichkeit gar nicht so feinsinnig? Beim genauern Hinsehen auf die Fotos ihrer späteren Jahre, die es hier auch gibt, wird ein harter Zug um ihre Augen sichtbar. Diese Frau hat in Wahrheit nichts mit dem romantischen Sisibild zu tun. Diese Frau war von großer Durchsetzungskraft, wenn es um ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse ging. Sie war gewohnt zu befehlen und dass ihre Befehle erfüllt wurden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit  war Franz Joseph II. alles andere als ein verständnisvoller Liebhaber, der am Beginn ihrer Ehe verbockt hat, was man nur verbocken kann. Gerade die an Freiheit gewohnte junge Frau, wird in Laxenburg eingesperrt. Die Flitterwochen bestehen darin, dass er um fünf Uhr in der Früh zur „Arbeit“  aufbricht und sie den ganzen Tag mit unbekannten Hofleuten allein lässt. Erst als es hart auf hart geht, nimmt er für seine Frau gegen die Mutter Stellung usw. Aber er hat sie geliebt und zwar mit allen ihren Kapricen und verrückten Neigungen – oder gerade deswegen, weil ihm das Leichte am Leben so schwer fiel. Und als sie später, als reife Menschen wieder zueinander fanden, waren ihre Gewohnheiten genauso eingerostet, wie seine und sie konnte den Rubikon nicht mehr überqueren und ihm Partnerin, Freundin, einfach Mensch an seiner Seite werden. Das Leben im Schloss mit den vielen Verpflichtungen war ihr so vom Herzen zuwider geworden, dass sie offenbar immer wieder fliehen musste. Dass er sie zuhause dringend als Mensch gebraucht hätte, das drang nicht durch ihren Panzer von Selbstmitleid und Nabelschau. Ein Indiz für ihre Selbstbezogenheit, die schon moderne Dimensionen verrät, ist ja ihr Diätwahnsinn, dem ein an sich völlig irregeleitetes Selbstbild zugrunde liegt.

                    

Das Archilleon ist ein Symbol geworden für Egoismen, die sich selber ad Absurdum führen. Obwohl ihr Franz Josef I. aus seiner Privatkasse den Traum zu erfüllen erlaubt, erkennt Elisabeth zu spät, dass der Traum von der Wirklichkeit nie eingeholt werden kann. Ein sehr eindringliches Gedicht, von ihr selber verfasst, bringt es auf den Punkt, und zwar am Symbol einer Katze, die bedauert, dass die gemütliche venetianische Villa durch das Monstrum von Palast ersetzt wurde.

Ich wandere durch den Garten und begrüße den sterbenden Archill, der trotz der pathetischen Darstellung ergreifend wirkt. Den siegreichen Heros von Willhelm II. gestiftet, der am äußersten Ende des Gartens aufgestellt ist, schaue ich mir gleich gar nicht genauer an; schon sein Schatten wirkt bedrohlich.

              

 Die einstöckige Gartenseite der Villa wirkt zwar kitschig mit ihren blauroten bemalten jonischen Kapitellen, aber es wirkt nicht monströs. Die Hermen, d.h. die Köpfe der großen Dichter und Philosophen, die Elisabeth heranschleppen ließ, sind besser als jene im Wiener Universitätsgebäude. Doch hat man ihr in Italien auch nur zweitrangige Kopien angedreht.

              

 Das Innere –na ja – ein paar schöne Reliefs, Erinnerungstücke an die beiden Besitzer, zwei Ölbilder von Böcklin, die romantische Stimmungen wiedergeben. Eine gut gestaltete Venus und viele Einrichtungs-gegenstände aus der wilhelminischen Ära, die nur groß, schwer und dunkel sind.

        

Die Kapelle ist für ein katholisches Auge der reine Graus, weil diese von einem Marienbild dominiert ist, das an Kälte, Distanz und Künstlichkeit des Ausdrucks nichts zu wünschen übrig lässt. Schon bei meinem ersten Besuch  hat mich dieses Bild negativ berührt. Und das hat sich nicht geändert bis heute.  Es sind fuchrtbar viele Leute da – es ist heiß und ich bin nervös und frustriert.

In einem Anfall von Selbstliebe beschließe ich im Cafe „Bella Vista“ einen Kaffee zu trinken. Ich trinke meinen Kaffe und zeichne die Balustrade vor mir und den Ausblick und es geht mir gut.

              

Fahre später weiter, durch Gastouri hindurch, nach Aghia Prokopios, wo mich zwei kleine Restaurants anlachen. Ich bleibe stehen und betrete die Loggia, die anheimelnder wirkt und wo ich auf eine besondere Atmosphäre treffe: Griechenland gemischt mit Amerikanostalgie. (Im Hintergrund werden amerikanische Liebeslieder abgespielt). Ein sehr zuvorkommender Wirt tritt ganz eng auf mich zu und fragt mich nach meinen Wünschen.

Homosexuell? Merke später, dass er einen Ehering trägt – aber das kann alles oder nichts bedeuten. Er spielt mit einem riesigen Partner ein mir unbekanntes Kartenspiel. Dazwischen macht er sich in der Küche zuschaffen, um mir einen Bauernsalat zu bereiten. Er serviert mir das liebevoll zusammengestellte Gericht mit in ölgerösteten dunklen Brotschnitten.

               

                       

Ich lehne mich zurück und kann mich jetzt wirklich entspannen. Danach schreibe ich ein bisschen in der angenehmen Atmosphäre, die von den spielenden Männern und dem ganzen übrigen Ambiente ausstrahlt. Auch der „Speisesaal“ drinnen ist geschmackvoll dekoriert, so ganz anders als üblich. Ich fotografiere die Beiden mit ihrer Erlaubnis  und rolle weiter nach Hagia Deka. Kurz davor parke ich meinen Frosch am Straßenrand und zeichne den Ausblick auf Korfustadt, das mir ganz gut gelingt.

                        

Am Weg hinunter nach Benitses bleibe ich in einer für mich paradiesischen Gegend: ein steiler Terassenhang, wo knorrige alte Ölbäume wachsen. Ich klettere hinauf liege im Schatten der riesigen Äste, freue mich, bete und bin nur glücklich bei Thymianduft und Zikadengebrüll. Später fahre ich durch faszinierende Landschaft – einfach zum Malen, aber fürs erste muss die Kamera genügen.

        

Aus dem Hotel hole ich meine Flossen und dann wieder hinübergefahren auf den Tsakis Beach. Weil dort der Schatten fast die ganze Küste bedeckt, lege ich mich längs der Küste an den sonnigen Strandstzreifen und höre den Wellen zu. Beim Weggehen bittet mich ein älterer Kavalier um ein Rendezvous, das ich leider ablehnen muss.

 

Mittwoch:

Straße nach Hagia Deka durch Einfahrtsverbote abgeriegelt oder ich habe die richtige Einfahrt verpasst.

Deshalb an der Küstenstrasse nach Süden unterwegs. Der schlechte Belag macht Mühe beim Fahren – dennoch habe ich einmal gehalten und die Küste fotografiert.

              

Später in Richtung Lefkimmi abgebogen und nun freuen sich die Pneus an einer neuen glatten Straßendecke. Richtung Hagios Georgios halsbrecherisch in letzter Minute abgebogen, dann im Dorf verdümpelt bei heißem Nescafe und meinen philosophischen schriftlichen Überlegungen. Erst sehr viel später zum Strand abgebogen und von dort durch die Riesenferienanlage, mit vielen glücklichen „Residents“ rund um den Swimming pool, gewandert und schließlich in den Dünen angekommen, wo wunderschöne Wacholderbüsche wachsen. Dann ziemlich tapfer Richtung Issos durch knöchelhohen Sand „spaziert“, dem Traumstrand schlechthin, weil die Leute zu faul sind, so weit zu gehen. Vorher erklimme ich im Schweiße meines Angesichts eine ziemlich hohe Felsklippe, von wo ich tatsächlich die berühmte naturgeschützte Korissa Lagune vor mir liegen sehe: ordentliche Schilfgürtel rundherum, also alles in Ordnung und ich kann mich wieder dem Strandleben widmen.

                 

                                

                

Dieses ist mäßig traulich – Kindergeschrei, aber das gehört dazu. In der Mitteilungsfreudigkeit, die alle anderen aber auch teilen müssen, sind die Italiener ähnlich unterwegs wie die Griechen, besonders, wenn sie in Rudeln vorkommen, wie das hier der Fall ist. Ich versuche den unmittelbaren Schallwellen zu entgehen und ziehe mich auf eine höher gelegene Düne zurück. Ich zeichne laufe immer wieder in die Brandung, um mit den Wellen zu spielen. Sie sind nicht zu hoch und doch kräftig – einfach zum Freuen…

              

Später, ganz später breche ich wieder auf, Richtung Hotel. Und die Fahrt durch die Berge wird ein unvergessliches Erlebnis. Alle Hänge mit Olivenbäumen bedeckt, gesprenkelt durch das Dunkelgrün der aufragenden Zypressen. Die Landschaft selber besticht  durch ihre  mannigfachen Tälern und Hügeln, die in sehr kleinen Formen sich bis an den Horizont ausbreiten.

                  

Einmal, als ich zum Einsammeln von Birnen und Zitronen eine Pause machte und wieder starten wollte, streikte der Starter  -  da wurde ich schon nervös. Aber schließlich gelang es mir das Gefährt wieder flott zu bekommen. Weiter ging es durch die grüne Landschaft und wieder hinunter nach Benitses, wo ein Hühnerpita und Sprite meinem hungrigen Körper wieder aufhilft.

 

Donnerstag:
Schlecht geschlafen. Früh unterwegs nach Korfu Stadt. Will mit dem Bus nach Paleokastritza. Finde auch den Busbahnhof für die grünen Linien, allerdings ist mein Bus schon weg und der Nächste geht in eineinhalb Stunden. Also was tun? Das Byzantinische Museum ist meilenweit weg und überhaupt habe ich jetzt nicht die Ruhe für dieses Museum. Also tauche ich in die „Lieblingsbeschäftigung“ von Frauen und Mädchen ein und versuche es mit shoppen. Das heißt ich betrete ein Geschäft, wo ich in der Auslage etwas gesehen habe, das mich anspricht. Irgendetwas Verrücktes oder auch ein Stück, dass mir gut gefällt. Normalerweise gibt es das Verrückte nicht in meiner Größe oder das Schöne und Passende kostet zu viel. Woran soll man sich da freuen?

Heute war es anders. Landete im „Büchershop“, mit Betonung auf shop, weil es dort in der Hauptsache nur übersetzte englische Bestseller gab. Dennoch erstand ich um wenig Geld ein kleines Langenscheid Wörterbuch und ein merkwürdiges Übungsbuch mit Paralelldialogen, wo in Deutsch und griechisch die Lautschrift eingesetzt wird.
In einem Bijoutoix - Laden kaufe ich Haarschmuck für Kathi und Hanne. In einem Kleidergeschäft verweile ich länger, weil ich die phantastischen Zusammenfügungen von Stoffen zu Gewandstücken ergründen will. Es ist einfach unglaublich, welche Verschnürungen, Öffnungen und Drapierungen hier bei Oberteilen angeboten werden und die Frauen tragen das auch. Schlimm sind meinem Geschmack nach, nur die Kinderhoserln bei erwachsenen Frauen, ja  und einiges Anderes mehr…

Schließlich sitze ich bei Neskaffee Frapèe und bringe die letzte Viertelstunde so herum.

Die Busfahrt geht ein Stück der Küste entlang und dann Richtung Westen. Ein riesiger Luxusdampfer liegt im Hafen von Kurfu vor Anker und ich  wunder mich, dass dieses riesige Schiff in diesem kleinen Hafen ankern kann! Nehme  an, dass die Gäste schon auf dem Weg ins Archilleon sind....

           

In Paleokastritza selbst ist die Hölle los. Alles drängt sich auf einem winzigen Strand, wo auch noch Motorboote mit Aussichtscharakter verankert sind. Doch die umgebende Landschaft ist unbeschreiblich schön: Die bekannte Mischung von Felsen, hoch aufragend und teilweise grün überwachsen und unten in Buchten eingeschmiegt die dunkelblaue und türkise Wasserfläche des Meeres. Dieses Ambiete in vielen Variationen ausgeformt, bildet die Umgebung von Paleokastritza.

                                                           

      

                      

Ich mache mich auf den Weg und wandere zum dazugehörigen Kloster hinauf, dem zweiten Touristen - high light außerhalb der Stadt Korfu. Und da sind sie alle wieder, vor denen ich im Archilleon geflüchtet  bin.  Mehr als 60 Personen – in diesem Fall Holländer – stehen in dem kleinen Kirchenraum herum und ich frage mich, ob das Kloster noch existiert und hier noch Nonnen oder Mönche leben.

 Vom Eindruck her nicht. Doch vielleicht leben sie hinter den Mauern und sind unsichtbar. Fotos dürfen gemacht werden und ich knipse drauflos. Auch drüben im Museum arbeite ich schnell, weil ich immer fürchte, dass mich ein verbietender Anruf ereilt.

Ich habe Kopfweh, verlasse die unheilige Stätte und fliehe fast wieder zurück nach Korfu und dann weiter nach Benitses.

Freitag:

Am vorletzten Tag meines Korfuaufenthalts beschließe ich meine unmittelbare Umgebung zu erforschen und dazu gehört auch das Muschelmuseum. Ein ziemlich hässlicher Bau am Ortseingang von Benitses.

        

Und es sind schon einige Familien da, als ich gegen 18 Uhr die Treppen zu dem Betonklotz hinaufwandere. Und es ist gut so – die Kinder und die Erwachsenen freuen sich an den bizarren Formen der Muschel, der Seesterne, der Schnecken und der Kugelfische. Die buntschillernden Perlmuscheln erfreuen die Phantasie und die gestreiften Gehäuse des Nautilusschnecken lassen sich gut ins Bild bringen.

 


 

         Besonders fasziniert mich das Skelett eines Wals, den es vor sehr langer Zeit ins Mittelmeer verschlagen hat, wo er elendiglich verhungerte, weil das Plankton dieses Binnenmeeres für ihn keine ausreichende Nahrung bot.

                     

Es ist ein witziges Museum, das hier entstanden ist, das im Grunde einer anderen Zeit angehört, einer Zeit, wo noch Kästchen mit Muscheln und Glasperlen beklebt auf den Kommoden meiner alten Tanten herumstanden, wo sie ihre Glasperlenketten aufbewahrten und solcher Art Kästchen ein wertvolles Mitbringsel aus Italien bedeutete. Nach Griechenland kam man damals nur selten – und dennoch finden sich diese kitschigen Kästchen noch heute in den Vitrinen des Shell Museum.

               

 

Ich verlasse den anheimelnden Ort und wandere zum Abschied die Strasse zum Archilleon hinauf.

Es ist mühsam, weil es nur über Asphalt dahingeht, doch es lohnt sich, der Ausblicke wegen.

 

Auch kann ich bei diesem Spaziergang meine Eindrücke ordnen und bekomme den griechischen Lebensstil nochmals sehr eindrücklich dokumentiert:

              

Es waren eindrucksvolle Tage hier in Korfu. Ich hätte noch Vieles anschauen können: viele Klöster und pittoreske Dörfer. Doch habe ich mit meinem Roller ein neues Erleben geschenkt bekommen, das ich bisher nicht kannte. War viel mit dem Auto unterwegs in Griechenland, aber nie mit einem zweirädrigen Gefährt. Und jetzt war es endlich soweit – und ich bin glücklich und zufrieden, dass ich alle Vorurteile von „Angelo, the best“ entkräften konnte und schließlich einen halbgetankten intakten Roller zurückgeben konnte.

                 

 Am Weg zum Hotel verabschiede ich mich noch von der Busstation und der kleinen Kapelle am Weg, die aber nicht mehr benützt wird.

Den Ausblick von meinem Zimmer habe ich schon früher fotografiert  und  auch meinen provisorischen Arbeitstisch.

             

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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